Die Erkrankung verstehen

Dissoziative Identitätsstörung: Symptome und Verständnis

Medizinisch geprüft Dr. Sarah Boss, MD

Aktualisiert am

Bei einer dissoziativen Identitätsstörung, kurz DIS (englisch DID), sind das Identitätserleben und das Gefühl, die eigenen Handlungen zu steuern, beeinträchtigt. Hinzu kommen wiederkehrende Erinnerungslücken, die über gewöhnliches Vergessen hinausgehen. Das ist nicht dasselbe wie unterschiedliche Stimmungen, wechselnde Interessen oder ein je nach Situation unterschiedliches Verhalten. Solche Erfahrungen können verwirrend sein und verdienen eine sorgfältige, respektvolle Abklärung. Dieser Ratgeber erläutert die wichtigsten Fragen, ohne Sie dazu aufzufordern, einzelne Identitäten zu bestimmen, unsichere Erinnerungen zu rekonstruieren oder sich anhand einer Online-Beschreibung selbst zu diagnostizieren.

Was ist eine dissoziative Identitätsstörung?

Die DIS gehört zu den dissoziativen Störungen. Klinische Beschreibungen umfassen unterschiedliche Identitätszustände und deutliche Brüche im Selbsterleben oder im Gefühl, die eigenen Handlungen zu kontrollieren, sowie wiederkehrende Erinnerungslücken. Die Symptome müssen erheblichen Leidensdruck oder Beeinträchtigungen verursachen; andere Erklärungen müssen berücksichtigt werden. Die Übersicht der American Psychiatric Association erläutert diese Merkmale.

Die Störung betrifft einen Menschen als Ganzes, nicht mehrere voneinander unabhängige Menschen, die in einem Körper leben. Die verwendeten Begriffe variieren. Eine behandelnde Fachperson sollte zuhören, wie Sie Ihre Erfahrungen beschreiben, ohne bestimmte Begriffe vorauszusetzen. Eine hilfreiche Erklärung sollte Schwierigkeiten im Alltag verständlicher machen, statt daraus eine dramatische Geschichte zu formen oder den Eindruck zu vermitteln, eine Diagnose lasse sich allein anhand einer veränderten Stimme oder Vorliebe stellen.

Dissoziation kann unterschiedliche Erfahrungen umfassen

Dissoziation bezeichnet im weiteren Sinne eine Unterbrechung der üblichen Verbindung zwischen Bewusstsein, Gedächtnis, Wahrnehmung, Identität oder Erleben. Manche Formen des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit oder des inneren Abstands sind häufig und weisen für sich genommen nicht auf eine Störung hin. Anhaltende, belastende oder beeinträchtigende Erfahrungen werfen andere Fragen auf. Der NHS-Ratgeber zu dissoziativen Störungen beschreibt verschiedene Erscheinungsformen, statt jedes Gefühl der Losgelöstheit als DIS einzuordnen.

Sich selbst als fremd oder weit entfernt zu erleben, kann beispielsweise als Depersonalisation beschrieben werden. Bei einer Derealisation kann die Umgebung unwirklich erscheinen. Diese Erfahrungen allein begründen keine Identitätsstörung. Unser Ratgeber zu Depersonalisation und Derealisation erläutert diesen Unterschied. Beschreiben Sie der abklärenden Fachperson mit eigenen Worten, was geschieht, statt einen einzigen allgemeinen Begriff für Erfahrungen zu verwenden, die sich in wichtigen Punkten unterscheiden können.

Erinnerungslücken sollten sorgfältig beschrieben werden

Fachpersonen können nach Lücken bei alltäglichen Ereignissen oder wichtigen persönlichen Informationen fragen, die sich nicht durch gewöhnliches Vergessen erklären lassen. Eine solche Lücke kann auffallen, wenn jemand sich nicht an etwas erinnert, das er oder sie getan hat. Das kommt nicht nur bei einer DIS vor. Zeitpunkt, Umstände, Krankengeschichte und weitere Symptome sind wichtig, insbesondere wenn eine Veränderung neu ist oder plötzlich auftritt.

Halten Sie einige sachliche Beobachtungen fest, sofern Ihnen das hilft: was Ihnen aufgefallen ist, wann es geschehen ist und was unklar bleibt. Zwingen Sie sich nicht, fehlende Zeitabschnitte zu rekonstruieren, und übernehmen Sie die Erklärung einer anderen Person nicht als wiedergewonnene Erinnerung. Unser Ratgeber zur dissoziativen Amnesie behandelt damit zusammenhängende Fragen. Es geht darum, einer Fachperson zu helfen, die Schwierigkeit zu verstehen – nicht darum, vor der Suche nach Unterstützung bereits eine vollständige Schilderung liefern zu müssen.

Störungen des Identitätserlebens sind etwas anderes als gewöhnliche Stimmungsschwankungen

Die meisten Menschen verhalten sich bei der Arbeit, im Freundeskreis und allein unterschiedlich. Auch Vorlieben und Selbstvertrauen können sich mit der Zeit verändern. Diese gewöhnlichen Unterschiede sind keine DIS. Bei einer Abklärung wird untersucht, ob eine klinisch bedeutsame Störung des Identitätserlebens und des Gefühls, die eigenen Handlungen zu steuern, vorliegt, ob es Brüche in der Erinnerung gibt und ob Beeinträchtigungen bestehen. Eine Liste gegensätzlicher persönlicher Eigenschaften kann diese Frage nicht beantworten.

Sie müssen eine Erfahrung nicht vorspielen oder demonstrieren, damit sie ernst genommen wird. Beschreiben Sie ihre Auswirkungen: etwa das Gefühl, von den eigenen Handlungen losgelöst zu sein, bei einer Tätigkeit den Zusammenhang zu verlieren oder die Schilderung eines Ereignisses nur schwer mit der eigenen Erinnerung vereinbaren zu können. Eine Fachperson kann Ihre Beschreibung gemeinsam mit Ihnen präzisieren, ohne Rollenspiele anzuregen, Sie zur Erfindung einer benannten Identität aufzufordern oder anzunehmen, dass jeder Widerspruch dieselbe Ursache hat.

DIS ist kein anderer Name für Schizophrenie oder eine bipolare Störung

Diese Diagnosen beschreiben unterschiedliche klinische Muster, auch wenn Erfahrungen manchmal schwer zu beschreiben sind oder sich überschneiden können. Die frühere Bezeichnung «multiple Persönlichkeitsstörung» kann irreführende Verbindungen zu anderen Erkrankungen herstellen. Stimmenhören, ungewöhnliche Erfahrungen oder Stimmungsveränderungen müssen in ihrem jeweiligen Zusammenhang abgeklärt werden. Sie sollten nicht anhand eines einzelnen Merkmals einer DIS oder einer anderen Diagnose zugeordnet werden.

Beschreiben Sie Schlaf, Stimmung, Gedächtnis, Wahrnehmung und Alltagsbewältigung im Zusammenhang. Die abklärende Fachperson kann mehrere Möglichkeiten in Betracht ziehen und mehr als ein Gespräch benötigen. Unser Ratgeber zur Bipolar-I-Störung beschreibt ein episodisches Stimmungsmuster. Das unterscheidet sich von der Annahme eines Identitätswechsels. Eine sorgfältige differentialdiagnostische Abklärung ist gerade deshalb hilfreich, weil eine vertraute Bezeichnung oder ein auffälliges Symptom allein nicht ausreicht.

Trauma kann relevant sein, ohne eine unbekannte Vorgeschichte zu beweisen

Dissoziative Störungen werden häufig im Zusammenhang mit überwältigenden Erfahrungen besprochen, und frühere traumatische Erfahrungen können relevant sein. Dieser Zusammenhang belegt jedoch nicht, was einer bestimmten Person widerfahren ist. Symptome können weder beweisen, dass ein konkreter Missbrauch stattgefunden hat, noch eine verantwortliche Person identifizieren oder eine unsichere Erinnerung zu einer historisch gesicherten Tatsache machen. Eine Fachperson sollte zwischen dem klinischen Verständnis und Aussagen über nicht belegte Tatsachen unterscheiden.

Sie können wegen aktueller Symptome Hilfe suchen, auch wenn Ihre Vergangenheit nur lückenhaft bekannt ist oder es schwerfällt, darüber zu sprechen. Vor einer Abklärung müssen Sie nicht nach einer dramatischen Erklärung suchen. Hilfreiche Behandlung sollte nicht davon abhängen, dass Sie durch Übungen ohne fachliche Begleitung versuchen, Erinnerungen wiederzugewinnen. Sie kann bei Ihrer aktuellen Sicherheit, dem Erleben von Kontinuität, der Alltagsbewältigung und den Fragen ansetzen, bei deren Beantwortung Sie tatsächlich Unterstützung wünschen.

Körperliche Erkrankungen, Substanzen und der kulturelle Kontext sind wichtig

Gedächtnis und Bewusstsein können auch durch neurologische Erkrankungen, Schlafstörungen, Medikamente oder Substanzen beeinflusst werden. Eine Abklärung kann deshalb auch eine ärztliche Untersuchung umfassen, statt jede Erinnerungslücke als dissoziativ einzuordnen. Auch kulturelle oder religiöse Erfahrungen müssen respektvoll in ihrem Zusammenhang betrachtet werden. Die diagnostischen Erläuterungen im MSD Manual für Fachpersonen beschreiben, wie wichtig es ist, andere Erklärungen auszuschliessen.

Eine neu aufgetretene ausgeprägte Verwirrtheit, ein möglicher Krampfanfall, eine Kopfverletzung oder eine akute Verschlechterung des körperlichen Zustands erfordert angemessene medizinische Hilfe. Tun Sie dies nicht mit dem Verweis auf eine psychische Diagnose ab. Bringen Sie nach Möglichkeit Ihre Medikamente und frühere Berichte mit und sagen Sie, wenn Angaben unsicher sind. Das unterstützt eine umfassendere Abklärung, ohne dass Sie vorher entscheiden müssen, ob das Problem psychisch oder körperlich bedingt ist.

Die Alltagsbewältigung sagt mehr aus als ein Klischee

Die wesentlichen Schwierigkeiten können praktischer und persönlicher Natur sein, statt nach aussen dramatisch zu wirken. Es kann schwerfallen, Termine im Blick zu behalten, ein Gefühl von Kontinuität aufrechtzuerhalten, sich in Beziehungen sicher zu fühlen oder der eigenen Erinnerung an einen Tag zu vertrauen. Erklären Sie, was Ihren Alltag beeinträchtigt und was weiterhin gut bewältigbar ist. Niemand muss einer Darstellung im Film entsprechen, um eine sorgfältige Abklärung zu verdienen.

Ebenso sollte eine Online-Beschreibung nicht aus jeder Konzentrationslücke einen Hinweis auf eine seltene Erkrankung machen. Ein erfundenes Beispiel, bei dem jemand den Faden eines Gesprächs verliert, könnte auf Müdigkeit, Stress, Medikamente oder verschiedene andere Ursachen zurückgehen. Beispiele sollen helfen, ein Anliegen zu beschreiben, und keine Checkliste bilden. Eine Fachperson muss das Muster und den Zusammenhang kennen, bevor sie Schlussfolgerungen zieht.

Wie eine spezialisierte Abklärung helfen kann

Fragen Sie, ob die Fachperson Erfahrung mit dissoziativen Symptombildern hat und wie sie andere medizinische und psychologische Erklärungen berücksichtigt. Eine Abklärung kann mehrere Gespräche und geeignete Untersuchungsinstrumente umfassen. Sie sollte jedoch nicht versprechen, dass ein kurzer Test sofort Gewissheit schafft. Für Sie sollte nachvollziehbar sein, was untersucht wird, was unklar bleibt und ob eine weitere Fachperson beigezogen werden muss.

Die Seite zur DIS-Abklärung und Vorbereitung bietet die Möglichkeit, freiwillig Notizen ohne Punktbewertung festzuhalten. Sie fordert Sie weder dazu auf, Identitäten zu zählen, noch eine Störung zu diagnostizieren. Sie können das Team auch direkt wegen einer privaten Abklärung kontaktieren. Die erforderliche spezialisierte Erfahrung und der Umfang des Angebots sollten ausdrücklich geklärt werden, statt sie aus einem allgemeinen Profil im Bereich psychische Gesundheit abzuleiten.

Behandlung sollte Stabilität und einen bewältigbaren Alltag unterstützen

Spezialisierte psychologische Behandlung konzentriert sich häufig auf das Verständnis der Symptome, Sicherheit, Bewältigungsstrategien und die Alltagsbewältigung. Dabei wird die Behandlung an die Bedürfnisse der Person angepasst. Medikamente können bei gleichzeitig bestehenden Erkrankungen eingesetzt werden, stellen aber keine spezifische Heilung der DIS dar. Der Behandlungsratgeber erläutert Fragen zu Fachkompetenz, Koordination und Überprüfung der Behandlung. Ein allgemeines Interesse an Trauma sollte nicht mit Fachkompetenz für jedes dissoziative Symptombild gleichgesetzt werden.

Sinnvolle Ziele sollten an Ihren Alltag anknüpfen: Termine verlässlicher wahrnehmen, sich weniger überwältigt fühlen oder klarere Absprachen haben, wenn Symptome alltägliche Tätigkeiten unterbrechen. Besprechen Sie, welche Informationen mit Angehörigen und bereits beteiligten Fachpersonen geteilt werden dürfen. Eine intensivere Behandlung ist nicht automatisch besser. Eine Diagnose sollte auch nicht zu einem vorab festgelegten Behandlungspaket führen, ohne zu erklären, wobei die einzelnen Bestandteile helfen sollen.

Wann dringende Unterstützung nötig ist

Bei unmittelbarer Gefahr, wenn Sie Ihre Sicherheit nicht gewährleisten können, bei schwerer Verwirrtheit oder einem akuten medizinischen Problem wenden Sie sich an die zuständigen örtlichen Notfalldienste. Eine dissoziative Erklärung macht eine gefährliche Situation nicht sicher und ersetzt keine dringende Abklärung. Wenn Ihr Bewusstsein beeinträchtigt ist, vermeiden Sie das Autofahren und andere gefährliche Tätigkeiten. Holen Sie fachlichen Rat zu Ihrer konkreten Situation ein.

Bei Anliegen, die keinen Notfall darstellen, kann ein vereinbartes klinisches Gespräch mit einer kurzen Beschreibung dessen beginnen, was sich verändert hat. Sie müssen in einem Formular auf einer Website keine ausführlichen Angaben zu Ihrer Vorgeschichte machen. Diese Website ist kein Krisendienst, und eine private Behandlung bedeutet keine laufende Überwachung. Ein klarer nächster Schritt sollte Ihnen helfen, angemessene Unterstützung zu erhalten, ohne den Druck, durch wiederholte Online-Tests eine Diagnose beweisen zu müssen.

Häufige Fragen zur dissoziativen Identitätsstörung

Bedeuten unterschiedliche Seiten meiner Persönlichkeit, dass ich eine DIS habe?

Nein. Gewöhnliche Veränderungen von Stimmung, Interessen oder Verhalten in unterschiedlichen Situationen reichen dafür nicht aus. Bei einer Abklärung werden erhebliche Störungen des Identitätserlebens und des Gefühls, die eigenen Handlungen zu steuern, wiederkehrende Erinnerungslücken, Leidensdruck, Beeinträchtigungen und andere Erklärungen berücksichtigt. Sie müssen die verschiedenen Seiten Ihrer Person nicht benennen, um über eine Erfahrung zu sprechen, die Sie beschäftigt.

Lässt sich eine DIS anhand eines Online-Videos oder eines kurzen Tests diagnostizieren?

Nein. Eine kurze Beschreibung kann weder das vollständige klinische Bild erfassen noch medizinische, substanzbedingte und andere psychologische Erklärungen ausschliessen. Online-Inhalte können helfen, Worte für das eigene Erleben zu finden, sollten aber keine diagnostische Gewissheit vermitteln. Wenden Sie sich an eine entsprechend erfahrene Fachperson, wenn Symptome Ihren Alltag beeinträchtigen.

Beweisen Erinnerungslücken, dass ich ein unbekanntes Trauma erlebt habe?

Nein. Erinnerungslücken haben mehrere mögliche Erklärungen und können ein bestimmtes Ereignis in der Vergangenheit nicht belegen. Sagen Sie der Fachperson, was Sie wissen und was unsicher ist. Eine Behandlung sollte Sie nicht unter Druck setzen, Lücken mit Vermutungen zu füllen, selbstständig Erinnerungen wiederzugewinnen oder ein Symptom als Beweis dafür zu betrachten, dass ein bestimmtes Ereignis stattgefunden hat.

Ist DIS dasselbe wie Schizophrenie?

Nein. Es handelt sich um unterschiedliche diagnostische Konzepte. Einzelne Erfahrungen, einschliesslich Stimmenhören oder Veränderungen der Wahrnehmung, müssen dennoch abgeklärt werden, statt sie anhand eines einzigen Symptoms einzuordnen. Eine Fachperson sollte die gesamte Vorgeschichte berücksichtigen und die Gründe für eine Diagnose erläutern, statt sich auf verbreitete Klischees zu stützen.

Muss ich einzelne Identitäten bestimmen oder benennen?

Eine solche Vorbereitung ist nicht erforderlich, um Hilfe zu suchen. Beschreiben Sie Ihre aktuellen Schwierigkeiten und deren Auswirkungen in Worten, die sich für Sie natürlich anfühlen. Eine verantwortungsvolle Abklärung sollte weder Rollenspiele noch eine Auflistung von Identitäten verlangen, bevor sie Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis, dem Bewusstsein oder der Alltagsbewältigung ernst nimmt.

Was ist ein sinnvoller erster Schritt?

Fragen Sie nach einer Fachperson mit einschlägiger Erfahrung in dissoziativen Störungen und beschreiben Sie Ihre wichtigste Schwierigkeit, etwa Lücken im Erinnerungszusammenhang oder das Gefühl, von den eigenen Handlungen losgelöst zu sein. Bringen Sie vorhandene medizinische Unterlagen mit, ohne deshalb notwendige Hilfe aufzuschieben. Plötzliche Verwirrtheit, unmittelbare Sicherheitsbedenken oder eine akute medizinische Veränderung erfordern eine dringende Abklärung statt einer regulären Anfrage.

Weiterführende Informationen und Quellen

[1] American Psychiatric Association: Was sind dissoziative Störungen?

[2] NHS: Dissoziative Störungen

[3] MSD Manual für Fachpersonen: Dissoziative Identitätsstörung

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